Wer steckt hier den Erdbeben an den Börsen

Die vergangenen Tage haben Geschichte geschrieben. In mehr als 20 Ländern sind die Aktienkurse eingebrochen. China erlebt derzeit Börsenbeben auf Börsenbeben, ohne dass irgendeine Maßnahme der Regierung Wirkung zeigt. In den USA hat der Dow Jones am Montag mit über 1.000 Punkten den größten Absturz seiner Geschichte erlebt. Innerhalb von 14 Tagen sind weltweit mehr als 5 Billionen US-Dollar in Aktienvermögen vernichtet worden.


Die Mainstream-Medien schwanken zwischen verkaufsfördernder Panikmache und systemstabilisierender Beschwichtigung. Politiker, die die wirtschaftlichen und finanziellen Zusammenhänge meist selbst nicht verstehen, versuchen die Bevölkerung abzulenken, indem sie hektische Aktivitäten in anderen Bereichen entwickeln. Gleichzeitig stürzt eine wahre Flut von in sich widersprüchlichen Informationen auf die Bevölkerung ein, die es dem Laien unmöglich machen, sich ein klares Bild von der Situation zu verschaffen.

Die Fragen, die jedem arbeitenden Menschen derzeit unter den Nägeln brennen, lauten: Was hat zur gegenwärtigen Krise geführt? Wie gefährlich ist sie? Kann sie Folgen wie die Große Depression in den Dreißiger Jahren haben, also Arbeitslosigkeit, Armut und Hunger für Millionen bedeuten?

► Was zur gegenwärtigen Situation geführt hat

Zwischen den Siebziger Jahren und der Jahrtausendwende ist das globale Finanzsystem weltweit „dereguliert“ worden. D.h.: Großen Finanzinstitutionen sind von der Politik zunehmend Zugeständnisse gemacht und bis dahin bestehende Hindernisse aus dem Weg geräumt worden. Das hat dazu geführt, dass immer mehr reine Finanzprodukte erfunden wurden und immer mehr Geld in den Finanzsektor geflossen ist.

1998 kam es zu einer ersten systembedrohenden Krise, als der „Hedgefonds Long-Term Capital Management“ (LTCM) zusammenbrach und eines dieser Finanzprodukte, nämlich Kreditausfallversicherungen (CDS – Credit Default Swap), in riesigem Umfang fällig wurden. Um den Zusammenbruch des gesamten Systems zu verhindern, schlossen sich mehrere Wallstreet-Banken zusammen und retteten den Hedgefonds.

Die Politik zog aus dem Notfall keine Konsequenzen, sondern erlaubte der Finanzwirtschaft sogar eine Ausweitung ihrer Geschäfte. 2008 kam es zur nächsten systembedrohenden Krise, als der amerikanische Häusermarkt zusammenbrach und Banken in aller Welt in den Abgrund zu reißen drohte. Diesmal waren die Summen, um die es ging, so groß, dass Banken und Finanzinstitute sie nicht stemmen konnten. Also griffen die Regierungen ein und retteten die Finanzinstitutionen unter dem Vorwand, sie seientoo big to fail“, mit dem Geld der Steuerzahler, wälzten also private Verluste von Investoren auf die Allgemeinheit ab.

Das aber riss riesige Löcher in die Staatshaushalte. Um diese zu füllen, wurden „Austeritätsprogramme“ (Sparprogramme) eingeführt, mit denen die arbeitenden Menschen für die Verfehlungen der Finanzindustrie aufkommen mussten.  Das führte dazu, dass die Mehrzahl der Menschen gezwungen war, den Gürtel enger zu schnallen und weniger zu konsumieren. Daraufhin ließ die wirtschaftliche Nachfrage weltweit nach.

Die Regierungen reagierten, indem sie die Zentralbanken anwiesen, Geld zu drucken, um es zu Niedrigzinsen an die Finanzwirtschaft zu verleihen. Diese sollte es dann in den Wirtschaftskreislauf einspeisen und so die Wirtschaft wieder in Gang bringen.

Das aber geschah nicht, und zwar aus einem einfachen Grund: Durch die Einstufung als „too big to fail“ hatte die Finanzindustrie einen Freibrief erhalten, der ihr erlaubte, fast risikolos auf die viel lukrativere Spekulation an den Finanzmärkten zu setzen, anstatt in die Infrastruktur oder die industrielle Produktion zu investieren. Auf diese Weise wanderten zusätzliche Billionen in den Finanzsektor und bliesen ihn noch weiter auf.

Diese Entwicklung hat dazu geführt, dass der Sektor der Derivate (spekulative Finanzprodukte, die mit der Realwirtschaft nichts zu tun haben) heute um 20 Prozent größer ist als 2008. Außerdem haben sich an den Aktienbörsen, auf den Anleihemärkten und im Immobiliensektor riesige Blasen gebildet. Das größte Problem aber ist die globale Verschuldung, die mit etwa 200 Billionen Dollar einen historischen Höchststand erreicht hat.

Das Problem dieser Verschuldung liegt vor allem darin, dass zur Rückzahlung von Zins und Zinseszins (⇒ siehe Artikel zur perversen Geldwirtschaft) – sowohl im unternehmerischen wie auch im staatlichen Bereich – ein weiteres Wachstum der Wirtschaft und eine zumindest moderate Inflation notwendig sind. Sollte es zur Stagnation oder Rezession kommen, so tritt eine Deflation (ein Sinken der Preise und damit der Steuereinnahmen) ein, was die Rückzahlung der Schulden erschwert und die Situation immer brenzliger macht.
► Keine Korrektur, sondern erste Anzeichen des kommenden Finanz-Tsunamis

Die derzeitigen Beben an den Börsen sind durch den Einbruch der chinesischen Börse in Gang gesetzt worden. Diese war im vergangenen Jahr durch die Decke geschossen. Deshalb behaupten viele Kommentatoren zurzeit, hier handle es sich nur eine „notwendige Korrektur“. Das aber ist falsch.

Chinas Wachstum der vergangenen Jahre ist mit einer Explosion des Schattenbankensektors und ebenfalls mit einer Rekordverschuldung einhergegangen. Chinas Problem ähnelt dem der westlichen Länder: Es braucht wirtschaftliches Wachstum und Inflation, aber das in größerem Maße als der Westen. Da die weltweiten Märkte derzeit aber nicht mehr chinesische Waren aufnehmen können, ist China an einem Wendepunkt angekommen, der sich zurzeit auf dem Aktienmarkt niederschlägt. Die Verzweiflung der Regierung lässt sich daran ablesen, dass sie zunächst selbst mit Milliarden in den Markt eingegriffen hat und mittlerweile sogar den Rentenfonds erlaubt hat, 30 Prozent ihres Geldes in den Aktienmarkt zu investieren. Wie ernst die Situation ist, lässt sich daraus ersehen, dass beide Maßnahmen wirkungslos verpufft sind.

Allerding sind die Probleme an den Aktienmärkten nur ein Indikator der viel tiefer liegenden Probleme der Weltwirtschaft. Diese leidet, wie wir gesehen haben, an zwei schweren Krankheiten: Zum einen an der Austeritätspolitik, die ein Wachstum verhindert, zum anderen an der Tatsache, dass die Finanzindustrie wegen ihrer Einstufung als „too big to fail“ gar nicht daran denkt, sie wieder in Gang zu bringen, sondern sich lieber weiter in parasitärer Wiese am Casino des Finanzkapitalismus beteiligt. (So hat in der vergangenen Woche ein Londoner Hedgefonds durch Wetten auf ein Fallen der Kurse 200 Mio. US-Dollar Gewinn gemacht.)

► Wo stehen wir also?

Die schlechte Nachricht lautet: Es handelt sich bei den gegenwärtigen Problemen nur um den Auftakt zu weitaus größeren Problemen. Die noch schlechtere lautet: Eine Korrektur ist nicht nur außer Sichtweite, sondern sogar ausgeschlossen. Warum? Weil die Finanzindustrie weltweit organisiert ist und ein einzelnes Land, das ihr auch nur die kleinsten Hindernisse in den Weg legt, umgehend von ihr (und der ihr hörigen Politik) in die Knie gezwungen wird – siehe Griechenland.

Was wir derzeit erleben, ist der Auftakt zu einem Finanz-Tsunami, der sich im Rahmen der nationalstaatlichen Ordnung nicht mehr verhindern lässt. Einzig und allein weltweit koordinierte Maßnahmen könnten eine grundlegende Änderung herbeiführen, sind aber auf Grund der Einteilung der Welt in Nationalstaaten derzeit nicht möglich.

Wir befinden uns in einer ähnlichen Situation wie die Kalifornier, die seit langem auf das ganz große Erdbeben („The big one“) warten. Niemand kann seinen Eintrittszeitpunkt exakt vorhersagen, aber der Eintritt selber steht außer Frage.

Quelle: 26.08.215 Ernst Wolff http://www.kritisches-netzwerk.de

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